Weggefährt*innen

Kommunikation ist das halbe Leben. Aktuell glaube ich – nein, im Prinzip bin ich mir recht sicher – ist es das ganze Leben. Mindestens. Mein Leben reicht kommunikativ betrachtet gerade für locker ein halbes Leben mehr.

Tja, selbst schuld, könnte man meinen. Theologin zu sein hat im Namen schon das Wort oder eben das Reden, den Logos eben. Auch wenn es gefühlt tausende Bedeutungen für dieses alte griechische Wort gibt, man denke nur an den Anfang von Goethes Faust I, wo er versucht, den Beginn des Johannesevangeliums zu übersetzen („ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ Λόγος“ – sprich: „en arché en ho Lógos“, Joh 1,1):

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Wort – Sinn – Kraft – Tat. Wie wahr, wenn man den Theós, Gott, meint. In der Dogmatik spricht man sogar davon, dass Gott in den drei Personen kaum etwas anderes tut, als in Liebe zu kommunizieren. Der Vater mit dem Sohn im Geist, durch den Geist, der Sohn als Wort Gottes, das in die Welt gesprochen wird usw. Warum sollte ich wohl etwas anderes versuchen, wenn ich mich schon Theo-Login nenne? Womit sollte ich also sonst rechnen, wenn ich als solche arbeite?

Viel von all dem, dem vollen Leben, habe ich in den letzten Tagen und Wochen durch meinen Körper sausen lassen, als Gedanken, als Gehörtes, Wörter über das Smartphone, Sprachnachricht, Anruf, per Mail, auf dem Papier, im Gespräch. Aber auch als Kommunikation auf anderen Ebenen, als Lächeln, Weinen, in einem Blick und ja, auch im gemeinsamen Musizieren irgendwie. Der Kopf schwirrt, denn Kommunikation ist dabei immer Senden und Empfangen gleichermaßen, im Idealfall. Ab und an und nicht nur beim Orchesterspielen auch gleichzeitig.

Was für eine ungeheuere Kraft solches Geschehen zwischen Menschen haben kann, beeindruckt mich immer wieder neu. Vor allem, wenn man geschickt mit kommunikativen Mitteln umgehen kann, kann man verletzen, beruhigen, zum Lachen bringen. Nur ein Wort kann wortwörtlich lebensverändernd sein. Welche Macht! (Und dabei sei noch nicht mal an das Wort des Hauptmanns von Karfarnaum an Jesus gedacht, das wir heute in fast jeder Eucharistiefeier beten: „Herr, ich bin nicht würdig (…). Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ – Lk 7,6-7)

Fast möchte ich meinen ist da mehr im Spiel als nur das, was zwischen zwei Menschen geschieht. Es ist oft genug profan, wie wir miteinander in Interaktion treten. Manchmal ist da aber auch etwas Geheimnisvolles. Etwas im besten Sinne Weltbewegendes.

Was mir besonders wertvoll und noch einmal neu bedeutsam geworden ist, in all dem Sprechen, Lachen, Hören, Mitleiden, sind die Menschen, denen ich begegne oder die plötzlich einfach da sind. Egal, wie viel mich gerade in dieser Welt frustriert, wenn vielleicht sogar all das Menschliche mich zutiefst nervt, es gibt sie an meiner Seite. Manchmal sind sie mir fast ein bisschen viel. Aber ich weiß auch, dass sie immer noch da sind, wenn alles Reden, jede Musik verstummt und die letzte Umarmung gelöst ist. Es sind die, die den Weg mitgehen, um meinetwillen.

Beim Blick auf die Selfies und Bilder, die ich mit meinen Weggefährt*innen schon geschossen habe, ist mir aufgefallen, dass es schon erstaunlich ist, wie unterschiedlich wir alle sind. Bei manchen meiner Freund*innen sieht man kaum eine Falte auf dem Gesicht – wie auch, wenn sie noch keine 18 Jahre alt sind. Andere haben ganz schiefe Zähne – kein Wunder, denn in ihrer Kindheit gab es noch keine Zahnspangen. Mir ist klar geworden: Wenn Beziehungen zwischen Menschen von Herz zu Herz geschlossen werden, dann kann das Alter keine relevante Kategorie sein.

In Taizé machen die Brüder den Jugendlichen in manchen Wochen den Vorschlag, sich bewusst Zeit zu nehmen, um einmal über die Menschen nachzudenken, die wichtig für ihr Leben waren oder sind. Ich habe diese Aufstellung mehrmals gemacht. Und jedes mal kamen Neue hinzu, am Ende war das Blatt randvoll, egal wie klein ich gekritzelt hatte. Immer saß ich dann alleine in einer Ecke der Kirche und konnte nicht anders, als so dankbar zu sein für jeden Einzelnen und jede Einzelne. Was für ein Geschenk – ein Geschenk des Himmels.

Was wäre das Leben nur ohne Euch. Und ohne die Verbindungen zwischen uns.

 

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