Menschenskinder

Am Wochenende war bekanntermaßen Pfingsten. Und ich war im ganz und gar pfingstlichen Wien: Eine Stadt, übervoll an Menschen, Hitze, Staub. Überall Touristen, Smartphones, Kameras. Und so viele verschiedene Sprachen!

Bei dem Gewusel ist wirklich nur schwer vorstellbar, dass es wohl Dinge geben könnte, die uns alle einen. Etwas, das auf irgendeine Art und Weise das menschliche Sein auf der Erde verbindet. Wie kann es das geben, wenn schon ich mich derart befremdet fühle von Smartphones im Wiener Musikverein, von zum Kommunionempfang stürzenden Gläubigen, von grölenden Partypeople neben unserer Pension, von mit dem Flugzeug angereisten Touristen aus Frankfurt. Was diese Menschen wohl über mich denken?

Kann es denn ein solches Ereignis geben, einen Moment, in dem man plötzlich versteht? Mehr als Wörter und Sätze, sondern wirklich versteht? Mir ist es ein Rätsel.

Aber eine Begebenheit möchte ich erzählen, weil sie mich umtreibt. Auf der Heimfahrt im wohlig kühlen ICE von Wien Meidling nach Würzburg, auf fünf Stunden hoffentlich ungestörte Zugfahrt vorausschauend, habe ich eine wirklich merkwürdige Begebenheit beobachtet. Ein Jugendlicher, nicht besonders groß, mit dunklem Teint, schlank und agil, schlüpfte in den Zug und ums Eck in die Toilette. Kurz darauf steckte er seinen Kopf aus der Tür und fragte den in der Tür stehenden Mann, wohin der Zug führe. Er erklärte es ihm, und schwupp, der Junge war wieder in der Zugtoilette verschwunden. Von meinem Sitzplatz aus hatte ich die Szene voll im Blick, die sich immer wieder öffnende Türe des Wagens ließ mir die Möglichkeit, auch Satzfetzen zu erhaschen. Echte Logenplätze auf das Geschehen.

Schon zu diesem Zeitpunkt, wir hatten das Stadtgebiet Wien noch nicht verlassen, war mir vollkommen klar, dass dieser Jugendliche jetzt längere Zeit in der Toilette bleiben würde, ein Schwarzfahrer. Und ich erwischte mich bei ganz verschiedenen Gedanken. Zum einen bekam ich Herzklopfen. Was wäre, wenn es ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling ist? Andererseits die Gewissensbisse, ob man ihn wohl melden müsste? „Nun gut, wenn ich nicht weiß, was richtig ist, mach‘ ich einfach mal nichts“. Das Herzklopfen blieb, denn was wäre, wenn man ihn erwischte?

Der Mann, bei dem der Junge Auskunft gesucht hatte, war es letztlich, der die Schaffnerin kurz vor der deutschen Grenze auf die geschlossene Toilette und damit auf ihn aufmerksam machte. Kurzes Aufatmen, denn schließlich würde er so erst in Deutschland aufgegriffen werden. Wirklich Aufatmen? Die Zugbegleiterin und ihr Kollege nahmen ihn in die Mangel, Ausweis, Fahrkarte, nichts konnte er vorweisen. Die Polizei wartete in Passau, er solle hier stehenbleiben. Bis zum nächsten Halt waren es jedoch quälende 45 Minuten. Er tigerte hin und her. Immer wieder holte er Erkundigungen aller Art bei Mitreisenden ein, anklagend fragend, warum man ihn verraten habe. Von seiner Geschichte drangen nur ganz wenige Details an mein Ohr. Ob sie der Wahrheit entsprachen, weiß ich ohnehin nicht. Es ist auch egal. Mit dem Einfahren in den Bahnhof Passau lief er plötzlich durch unseren Wagen und war – so schnell, wie er gekommen war – wieder verschwunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihn gefunden haben, vielleicht setzte er sich auch auf einen leeren Platz und fuhr einfach weiter.

Irgendwie hat mir dieser Junge imponiert. Mit seinen maximal 16 Jahren hatte er eine ungeheuere kriminelle Energie gezeigt und ganz nebenbei das perfekte Gespür für das Nützliche zur richtigen Zeit. Es mag paradox klingen, aber manchmal würde ich mir ein bisschen von dieser Findigkeit wünschen, oder die Fähigkeit, für einen Moment einmal nicht zu tun, was von mir erwartet wird.

Aber ehrlicherweise muss ich natürlich zugeben: Ich verstehe sein Verhalten ganz und gar nicht, ich wäre wohl nie in eine solche Situation geraten, nicht in meinen schlimmsten Träumen. Aber durch das Handeln des Jungen war ich trotzdem damit konfrontiert.

Und ich denke in diesem Moment des Schreibens: Vermutlich geht’s gar nicht darum, zu verstehen. Vielleicht geht’s viel mehr um das Verstehen Wollen. Den Menschen selbst anschauen und nicht, was er getan hat. Und wie in der Pfingstgeschichte so oft von Rettung die Rede ist, hatte ich irgendwann den tiefen Wunsch, dass der Junge irgendwie gerettet wird. Wie auch immer das für ihn letztlich aussehen mag. Und wer auch immer so nah an ihn herankäme. Denn was heißt schon Rettung?

 

Photo by Neil Thomas on Unsplash.

 

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