Wes Geistes Kind bist Du?

Eine Freundin hat endlich eine Stelle bekommen. Halleluja! Eine Stelle, um erst mal in Ruhe mit der Doktorarbeit anfangen zu können. In Ruhe heißt da vor allem: Ohne akute Geldsorgen, mit einem geregelten Alltag. Dem ging eine Odyssee – und Odysseus war im Gegenzug dazu noch gut dran – voraus an Vorstellungsgesprächen, Hickhack mit Prüfungsämtern. Parallel zum Studienabschluss muss da ein Essay her, mit einer Kurzbeschreibung. Mitten in der Masterarbeit beschäftigt man sich mit noch mehr Literatur, Bücherstapeln, Betreuungsvereinbarungen, Prüfungsordnungen. Ein Tag große Freude, der nächste zu Tode betrübt. Man könnte denken, all dies sei in manchen Phasen des Lebens eben so. Das eine ist noch nicht abgeschlossen, da muss das Nächste getan werden. Aber wenn die Monate ins Land ziehen und nichts sicher ist? Was ist das für ein Leben?

Grundproblem dieser Freundin ist keineswegs, dass sie nicht intelligent genug wäre, eine Promotion zu machen, sich wissenschaftlich hervorzutun. Sie ist eloquent, sehr gebildet, witzig und hat definitiv keine Angst vor Menschen oder der Konfrontation mit Hierarchien. Ihr Problem ist, dass sie zu viel gelernt hat. Konkret: Zu viel Verschiedenes. Ausgestattet in einem geisteswissenschaftlichen Doppelbachelor und einem ebensolchen Master mit Spezialisierung könnte man meinen, die Türen stünden überall offen für einen Dr. phil – bis man sich mit den Gegebenheiten der Realität beschäftigt hat und sie einen eines Besseren belehren.

Denn: Hier fehlen ein Paar Pünktchen, ach, dieses Modul ist aber bei uns deutlich gewichtiger, oh nein, hier müssten Sie schon noch einige Kompetenzen erwerben. Die so genannte Bologna-Reform hätte angeblich Vergleichbarkeit, Modularisierung und Verknüpfung gebracht, alleine man merkt bisweilen sehr wenig davon.

Das Mantra aller Wissenschaften lautet derzeit: Interdisziplinarität. Konkret heißt das, dialogfähig zu sein mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen, gemeinsam formulierte Problemstellungen bearbeiten, mit der eigenen Expertise daran feilen, Lösungen erarbeiten. Die Grenzen der eigenen Disziplin und Methoden verschwimmen notwendigerweise und so ist es kein Wunder, dass es unheimlich viele sehr schlaue Menschen gibt, die nuancierter definieren: Mit mehr Grenze für den eigenen Fachbereich, aber doch sehr verknüpft heißt es dann Transdisziplinarität, mit noch mehr Grenze und diffusem Miteinander Multi- oder Pluridisziplinarität – das nur ganz schemenhaft und salopp dahingesagt. In einer Person verbundene verschiedene Fachlichkeiten nennt man offenbar Intradisziplinarität. Aber das tut auch nicht jeder so, schließlich gibt es sehr (!) viel zu beachten und noch mehr Kluges zu sagen. Es lebe die lateinische Wortneuschöpfung. Ganz und gar nicht klar ist jedoch, was passiert, wenn wirklich jemand auf der Matte steht, der inter-/trans-/multi-/pluridisziplinär arbeiten kann (auch wenn man nicht weiß, was das heißen soll) und auch noch eine intradisziplinär gebildete Persönlichkeit ist. Große Überforderung auf dem universitären, wissenschaftlichen Markt.

Man möge mir den Vergleich verzeihen: Gepredigt wird nun also Apfelschorle, in die Gläser darf aber nur entweder Apfelsaft, Wasser oder sowieso nichts Unalkoholisches. Wie so oft hat man die Anforderungen gesetzt und kann nun mit den Folgen nicht umgehen. Ein Bildungssystem, das hochqualifizierte und doch nicht passende Wissenschaftler*innenbiographien produziert, die dann nicht weitermachen können? Oder die gar keine Arbeitsstelle finden, auch kein Fach, in dem die Promotion dann tatsächlich erfolgt?

Aktuell ist der Preis für die Betroffenen, den ach so gelobten und erwünschten wissenschaftlichen Nachwuchs definitiv zu hoch.

 

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