An mein geliebtes Würzburg

Liebes Würzburg,

heute möchte ich Dir schreiben, weil gerade in diesen trüben Wintermonaten es doch oft eine Qual ist: Mit Städten im Allgemeinen, mit Dir im Besonderen. Sei es wegen Deiner Kessellage, des Mains, so oft öffnet sich noch nicht mal ein Spalt am Himmel, der uns ein bisschen von der Helligkeit jenseits der Wolken schenkt. Ich kann mich an Winter erinnern, da hatte ich es wirklich satt; und keiner konnte sagen, wann das einmal endet: Regen, Wolken, Nass auf Beton, Grau.

Doch in diesem Jahr zeigst Du auch ein anderes Gesicht. Ein ganzes langes Wochenende mit stahlblauem Himmel, schneebezuckerten Dächern und klirrender Kälte. Ein echtes Winterwochenende! Aber: Ich rede nur noch über das Wetter. Dafür kannst Du ohnehin nichts.

Deine Schönheit und Dein besonderes Wesen sind mir dabei neulich erst wieder wunderbar bewusst geworden. Wie oft habe ich diese Kleinigkeiten übersehen, fast vergessen über dem Alltäglichen, dem Wetter, dem Studium, dem Leben. Dabei ist es ein Leichtes, diese lebenswerten Momente hier bei Dir zu erleben: Die einander eigentlich wildfremden Menschen, die am Sonntagfrüh mit der Straba zum Gottesdienst fahren und miteinander in ein Pläuschchen verfallen, bis sie sich, von der ansagenden Kinderstimme erinnert, an der Haltestelle Dom trennen, die einen Richtung Dom, die anderen Richtung Augustinerkirche: „Frohe Andacht auch Ihnen!“. Auch wenn ich mich an Deinen Katholizismus erst gewöhnen musste. Deine Größe macht es leicht, Bekannte, Kolleginnen oder Kommilitonen und Freunde ganz zufällig, verbindlich oder nicht auf dem Weg zum Buchladen zu treffen oder beim Kaffee.

Irgendwie hast Du es auch immer wieder geschafft, auf die Beine zu kommen, die Menschen haben Dich nicht aufgegeben. Als nach dem 16. März 1945 die gesamte Altstadt in Trümmern lag, stand wie ein Mahnmal zwischen den völlig abgebrannten Seitenflügeln der Residenz die bis heute beeindruckende Kuppel mit dem Deckenfresko von Tiepolo im Treppenhaus des Eingangsbereichs. Ja, sie hat gehalten. Klar, der Wiederaufbau hat Dich Charme gekostet, viel Funktionalität statt Kitsch. Und trotzdem gibt es die kleinen Gassen, die schnuckligen Hinterhöfe. Als ob es darauf ankäme, dass alles aussieht, wie aus dem Museum. Du darfst auch einfach so sein.

Was mir das Leben hier vor allem so sehr bereichert sind doch andere Dinge: Du bist eine Studierendenstadt und schätzt das, es gibt unglaubliche kulturelle Möglichkeiten, gleichzeitig bist Du nicht zu klein für einen Blick über den Tellerrand und nicht zu groß für die Nähe zu den Anderen. Ein bisschen eitel darf man schon auch sein, wenn eine Stadt solchen Wein zu bieten hat. Die Menschen hier sind nicht anders als sonstwo und trotzdem habe ich das Gefühl viele von meinem Schlag zu treffen. Klar, Deine Mieten sind immens und steigen weiter. Klar, in der Innenstadt, in der ich mich hauptsächlich bewege, kann man sich leicht von der gesamten Lebensrealität Deiner Bürgerinnen und Bürger entfernen, sie einfach ausblenden, ich kann mich mit meinesgleichen zufrieden geben. Und klar ist auch: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber irgendwie sind wir verbunden mit Dir und untereinander, weil wir diesen Ort, Dich, teilen. Ich komme gerne von einer Reise oder einem Ausflug zu Dir zurück. „Hemm“ eben.

Eine sehr eindrückliche Begebenheit bescherte mir heute Nacht eine der schönsten Erkenntnisse, als ich durch die völlig ruhige, eiskalte und schlafende Stadt lief: Dass es wohl immer wieder neue, erstaunliche Seiten an Dir zu entdecken gibt.

Ich wollte Dir nur einfach mal Danke sagen.

 

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