„Irgendjemand muss doch in die Pastoral“

Dass Johanna und ich, die wir hier schreiben über unsere Welt im Turmzimmer einer Katholisch-Theologischen Fakultät einer bayerischen, genauer unterfränkischen, sehr katholischen Stadt, beide Theologie nicht nur studieren, weil wir kein anderes Fach gefunden haben, sondern uns als wirkliche „Überzeugungstäterinnen im Auftrag des Herrn“ verstehen, sollte bisher deutlich geworden sein. Wir denken, wir haben einen Auftrag, diese Welt ein bisschen besser zu machen, die Frohe Botschaft, die wir durch unseren Glauben erleben, in unsere Umwelt zu tragen und mit unserem Leben Zeugnis zu geben von der Hoffnung die uns erfüllt (so etwas genau so geschwollen zu formlieren, lernt man auch in unserem Studium). Aber was macht man dann also beruflich als katholische Theologin?

Immer wieder wird mir fast hämisch vorgeworfen, ich hätte eben die falsche Konfession, und: Ich solle doch einfach evangelisch werden. Soweit so gut. Für mich kommt das nicht in Frage. Nicht, weil ich Protestanten doof oder die Lehre und Liturgie nicht wertvoll finde – wie käme ich denn dazu. Schlicht fühle ich mich in „meiner“ katholischen Kirche heimisch und bisweilen wohl. Und bisher hat sie es auch noch nicht geschafft, mich zu vertreiben. Ich verstehe mich als Katholikin, kann viele Grundsätze mittragen, einige leider auch nicht. Aber ich denke, als Rädchen im Getriebe, als Teil des Volkes Gottes, kann ich meinen Teil dazu beitragen, es besser zu machen. Aber ich schweife ab. Ich werde also nicht evangelisch, damit auch keine Pfarrerin. Wie ich das finde, dass ich keine Priesterweihe empfangen kann, weil ich eine Frau bin, spielt hier zunächst mal keine Rolle, denn ich will es ohnehin nicht. Vielleicht an anderer Stelle mehr.

Der „normale“, von der Kirche vorgesehene Weg ist nun, eine Ausbildung als Pastoralassistentin zu machen, zu lernen, wie man pastoral, in einer Gemeinde und in der Schule arbeitet, und dann mit der zweiten Dienstprüfung Pastoralreferentin zu werden. Das ist ein bisschen wie im Referendariat von Juristinnen oder Lehrern. Ich habe mich aktuell noch dagegen entschieden. Mit meinem Studienabschluss vor ein paar Monaten kam für mich die Entscheidung. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sie schon vorher getroffen: Ich werde versuchen zu promovieren und dann irgendwann vielleicht meine Doktorarbeit in Händen halten. Ich formuliere das absichtlich „vorsichtig“, denn die Statistik zeigt, dass einige, viele Promotionen gar nicht abgeschlossen werden. Das liegt sicher am „Wissenschaftszirkus“. Denn wie verdient man Geld, während man in Bibliotheken herumsitzt, scheinbar wichtige Tatsachen bedenkt und sich mit haufenweise Meinung und Wissen herumschlägt? Geht man jobben, schwindet die Zeit zum Promovieren. Wird man über ein Stipendium gefördert, muss man ganz schön schnell sein. Oder man arbeitet – wie ich durch einen Fall sonderbarer Fügung – in der Lehre an einem Lehrstuhl oder einer Professur. Natürlich nur halbtags und von Befristung zu Befristung. So ist das eben in der Uni.

In der Wissenschaft zu sein, heißt aber nicht, da auch zu bleiben. Natürlich kann man versuchen, sich auch noch an die Habilitation zu wagen und Professorin zu werden. Aber man kann eben auch mit einem Doktortitel ganz andere Dinge tun, bei Verbänden, im Journalismus, als Beraterin oder Referentin in einer (kirchlichen) Akademie arbeiten. All das kann ich mir vorstellen. Und natürlich kann ich dann immer noch Pastoralreferentin werden.

Jedoch fällt mir zunehmend auf, dass es immer weniger Studierende der katholischen Theologie gibt, die sich für eine pastorale Ausbildung entscheiden. Das ist jetzt nur sehr eingeschränkt verifizierbar, denn bekanntlich ist die Masse derer, die Theologie studieren ohnehin nicht groß und meine Sicht der Dinge auf Würzburg beschränkt. Und doch: Aus meiner Semesterstufe sind es gerade vier. Vielleicht kommt nach ein bisschen Zeit der ein oder die andere Nachzüglerin hinzu, aber es bleibt nicht viel. Immer mehr promovieren oder gehen gleich in andere Arbeitsbereiche.

Woran das liegt? Vielleicht daran, dass in der kleiner werdenden Zahl der Studierenden immer mehr wissenschaftlich sehr interessierte Zeitgenossen unterwegs sind. Vielleicht mag auch ein Grund sein, dass man sich nicht mit Mitte zwanzig einen Beruf aussucht und dann da bleibt (wobei das Quatsch wäre – als Pastoralreferentin stünden mir sehr viele Wege und Arbeitsfelder offen, die alles andere als in Stein gemeißelt sind). Vielleicht liegt es auch an den Erzählungen über Zusammenlegungen von Pfarreien, größer werdenende Verbünde, die Möglichkeit, irgendwo zu landen, wo man sich nicht wohlfühlen könnte, schwierige Vorgesetzte. Vielleicht sind angehende Theologinnen ängstlich.

So oder so: Es werden immer weniger pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. So ernüchternd das auch klingen mag. Vielleicht ist es an der Zeit, neue Perspektiven für junge Absolventen zu schaffen, denn irgendwas scheint an prekären Arbeitsverhältnissen einer Promotion immer noch reizvoller zu sein, als eine pastorale Ausbildung mit objektiv sehr vielen Sicherheiten und spannenden Arbeitsfeldern. Irgendjemand muss ja in die Pastoral – schließlich geht’s hier ums Ganze.

 

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